Gedanken über Kunst

Kunst hat immer etwas mit Sinneswahrnehmungen zu tun, man muss Kunst sinnlich berühren, um sie zu verinnerlichen und eine Wirkung zu erleben.

Kunst muss dabei nicht guttun. Dass Kunst „Geschmacksache“ sein soll, täuscht einen synästhetischen Zusammenhang vor, den es nicht gibt. „Geschmack“ ist als Wortbedeutung in Bezug auf Kunst so verwässert und unscharf, dass ich davon abraten würde. Man muss sich schon die Mühe machen, es genauer zu formulieren und zu beschreiben. „Man muss das begreifen, wovon man ergriffen ist“.(Emil Staiger, Die Kunst der Interpretation)

Aus Farbe und Form, Klang und Licht, Bewegung und Interaktion wird ein Sinnesreiz zu einer Wahrnehmung. Diese Wahrnehmung entsteht zwar in unserem Körper, wird aber von unseren immer schärfer werdenden Erfahrungen unmittelbar nach Außen projiziert und erscheinen uns somit als Außenwahrnehmung. Die Wahrnehmung durch unsere Sinne ist immer einzigartig, sie wird erst bei der Verarbeitung verallgemeinert und verliert damit ihr Außergewöhnliches.

Das Verinnerlichen einer Wahrnehmung bildet in uns eine Vorstellung von etwas. Es ist also nicht die Wahrnehmung an sich, sondern unsere Vorstellung, die sich aus der Wahrnehmung ergibt. Die Vorstellung ordnet die Wahrnehmung ein in das Erfahrene und sorgt bei nochmaliger Wahrnehmung für eine schnelle Verarbeitung, man „registriert“ einfach nur noch, wie mit einer Registerkasse.

Die Vorstellung kann aber auch die neue Wahrnehmung verbauen, daher muss sie mit Anstrengung immer wieder überprüft werden, damit man nicht auf Verfestigtes hereinfällt, wenn sich die Situationen ändern. Diese anschauende Urteilskraft (Goethe) muss man sich bewahren.

Die schnelle Verarbeitung („ja, kenne ich schon!“) kann zu einer Abnutzung führen („Feststellung“), aber auch zum Beispiel zu einem vertrauten, sinnlich wahrgenommenen Wohlgefühl. Das Wohlgefühl oder die Traurigkeit kann durch ihren emotionalen Prozess nicht ganz so schnell verklingen, wie die bloße Tatsachenvorstellung. So ist man bei einem emotionalen, traurigen Film noch traurig, obwohl die anschließende Situation schon wieder komisch wurde.

Manche Werke zielen stark auf die sinnliche Wahrnehmung der Betrachter mit emotionaler Wirkung, manche entwerfen neue Formen der emotionalen Begegnung, manche beziehen sich auf Farbe und Form, manche auf das Fehlen von einem oder sogar beidem, manche entwickeln sich beim Betrachter narrativ im Sinne des inneren Dialoges oder einer unfertigen Erzählung.

Manche Werke beziehen die Architektur, das Licht des umgebenden Raumes mit ein, manche ignorieren diesen und öffnen einen eigenen, imaginären Raum, der vom Betrachter mit seinen Sinnen betreten werden soll.

Die Belohnung der Beschäftigung mit Kunst entsteht aus der Begegnung mit ihr, aus einer Begegnung, die man am besten mit einer fragenden, aufgeschlossenen Haltung beginnt, mit Neugier, mit Mut. Wenn man sich mit dem voreiligen Erkennen zufriedengibt, verpasst man oft die wesentliche Erkenntnis. Es geht nicht nur um den „Kunstgenuss“, abbeißen und dann auf zum nächsten Häppchen. An einem erfahrenen Werk interessiert zu bleiben, erfordert Übung, Geduld und Konzentration. Dabei bedeutet Konzentration nicht immer die Fokussierung, sondern auch die Öffnung zu einer Unbefangenheit, die die Erfahrung des Werkes mit allen Sinnen erleichtert.

Deswegen kann man sich bei „Vernissagen“ nicht ernsthaft mit Kunst beschäftigen. Die Konzentration taumelt wie ein Irrlicht zwischen den Gesprächsfetzen, deplatzierten und auffälligen Menschen (den unvermeidlichen SelbstdarstellerInnen) und der Kunst, um die es ja eigentlich gehen sollte.

Und dann die Künstler: nur zu gerne träumt man sich in das Leben dieser schillernden Figuren rein, die Werbefotos in ihren Katalogen und Reels und Stories in den sozialen Medien strotzen nur vor vollgeklekster Kleidung in zugekleistern Ateliers mit Müllhaufen halb aufgebrauchter Farbtuben und unausgewaschener Pinsel. Als könne der Phönix aus Müll und nicht aus Asche entstehen. Schön wäre es. Die schwungvoll hingekippte und hingespritze Farbe macht noch keinen Künstler und die oft leicht bekleideten Künstlerinnen nutzen zu gerne mehr ihren Körper zur Darstellung ihrer Kunst als das Kunstwerk selbst. Mein Urgroßvater wurde von solchen “Künstlern” die es auch 1870 schon gab, belächelt, weil er immer ordentlich gekleidet und mit perfekt sortiertem Gerät plain air malte. Er war leise, unauffällig und wirkte nur durch sein Kunstergebnis. In der polternden Welt wurde und wird er kaum wahrgenommen, doch sein Werk ist heute beständig und vielerorts vertreten. Das habe ich schon als Kind in meiner Künstlerfamilie mitbekommen, vier Generationen haben Kunst geschaffen und gleichzeitig an Erfindungen getüftelt und sich um die Familien gekümmert. Aber ich schweife ab….

Was ist nun ein „Kunstwerk“?

Die Frage ist zu komplex, um von mir beantwortet zu werden, ich habe es in der Kürze für mich so zurechtgelegt: Marcel Duchamps Frage, ob jemand ein Werk schaffen kann, das nicht „Kunst“ ist, muss wieder gestellt werden.

Seine „Readymades“ waren Alltagsgegenstände, die er durch eine Signatur zum Kunstwerk transformierte. Das war eine provokante Reaktion auf die New Yorker Ausstellung „No prices, no jury“, wo jeder zwei Arbeiten einreichen konnte und Duchamp diesen Gedanken weiterdachte und meinte: wenn jeder ohne Jury eine Arbeit zur Kunst erklären kann, dann ist auch alles Kunst. Und das wollte er mit dem berühmten, signierten Urinal beweisen. Interessanterweise wurde das Objekt abgelehnt und das widersprach den Regeln der Ausstellung. Damit entlarvte Duchamp die Veranstalter.

Für Duchamp wurde der Gegenstand durch seine Auswahl (Akt der künstlerischen Schöpfung) durch den Künstler zum potenziellen Kunstobjekt und durch die Signatur, die eine x-beliebige sein kann, zum echten Kunstobjekt. Die Präsentation des Kunstwerks an einem geeigneten Ort kann auch Teil des Readymade, des schöpferischen Prozesses sein. Für ihn war auch die Benennung des Werkes wichtiger Teil des Kunstwerkes, das ist ein Aspekt der Konzeptkunst. Josef Beuys sagte “Jeder ist ein Künstler“. Für mich hat er damit nicht unrecht, in dem Sinne, dass jeder auch Bankier ist. Die Anlagen tragen wir alle, als Geschöpfe können wir auch schöpferisch tätig sein. Es gibt aber viele äußere Umstände, die uns daran hindern oder darin fördern können, Künstler oder Bankier zu werden – oder sogar besonders “gute” Künstler oder Bankiers zu werden.

Letztlich zeugen davon nur unsere Taten, das Talent muss umgesetzt werden, sonst weiß niemand davon. Es nützt nichts ein Genie zu sein, man muss etwas daraus machen, eine Spur hinterlassen. Und wenn in unserem Fall ein Kunstwerk in die Wirklichkeit gesetzt wird, muss es sich gestern, heute und morgen immer wieder neu neben vielen anderen Umsetzungen messen lassen und eine gerechte oder ungerechte Einordnung erfahren.

Gemäß Duchamp: Das Werk erhält seine Bestimmung erst, wenn es ein/e BetrachterIn sieht. Für mich ist eine gute Formulierung: ein Flugzeug ist noch lange kein Vogel, nur weil es fliegen kann.

Im Folgenden zähle ich einige Kriterien meiner individuellen Bewertung auf, jeder Punkt hat natürlich Ausnahmen!

Ich beschreibe die Kriterien plakativ, damit man die Idee davon bekommt, nicht für eine endgültige Beurteilung, denn gerade die auffälligen Ausnahmen sind die besonderen Perlen, die es zu entdecken gilt.

Wenn mich ein Kunstwerk interessiert, dann frage ich mich regelmäßig beim Betrachten:

  1. Ist das gewählte Format das richtige, oder – besonders bei fotografischen Werken – ist das Format zu dicht und zu klein, oder überzogen groß? Soll der Kopf der Mona Lisa lebensgroß oder ein wenig zu klein oder zu groß dargestellt sein und warum ist sie kein Wandgemälde von epischen Ausmaßen? Das alles, weil ich festgestellt habe, dass das gewählte Format oft nicht stimmig ist. Gerne wir zu groß dargestellt, um nach dem sogenannten Formfaktor einen höheren Preis taxieren zu können. Manchmal auch nur, um mit der Größe und nicht mit dem Inhalt zu überwältigen.
  2. Ein weiterer Aspekt ist die Handwerkskunst, ist es nur handwerklich perfekt aber ohne Leben? Ist es nur fast autistisch akribisch und man fragt sich wie man so viel Geduld aufbringen kann und hat doch keine darüberhinausgehende ergreifende Aussage?
  3. Ist das Werk Teil einer Serie und welche Serien gab es vorher oder sind in Arbeit?
  4. Ist die Werkserie überschaubar, sodass ich mir als Käufer das beste Werk aus der Serie aussuchen kann, oder ist die Serie endlos und es entstehen immer wieder weitere Varianten?
  5. Ist die Auflage bei Editionen immens hoch, aber der Preis auch und ähnelt damit einem Einzelpreis? Ich multipliziere den Preis immer mit der Auflage plus der Künstlerexemplare, das ist der fiktive Werkspreis. Dann frage ich mich, ob das Werk diesen fiktiven Gesamtpreis rechtfertigt.
  6. Ist es “nur” ein weiterer weiblicher Akt und beutet damit den Körper von Frauen und die Sexualität der Betrachter aus, auf deren Kosten?
  7. Ist es nur ein weiterer Schädel, von dem man in der Zwischenzeit bereits alle Erscheinungsformen durchdekliniert haben sollte? Ist das Werk bewußt oder unbewusst an den Geschmack einer Käuferschicht ausgerichtet? Und wie ist das zu bewerten?
  8. Ist es nur ein Multiple, wo durch die Vervielfachung ein billiger Effekt konstruiert wird, wie mit 1000 Barbie Puppen, Kakteen, Lego Steinen, PopCorn, Glasspittern, Kerzen, Knochen, Steinen in einem Raum?
  9. Ist es nur eine Skalierung, ein riesiger Hammer, der Zahnabdruck, der quer in einem White Cube Ausstellungsraum liegt?
  10. Ist es nur eine Isolierung, ein einziger, beliebiger Gegenstand, prominent auf einem Sockel?
  11. Ist es nur eine Zerlegung, eines Hauses, eines Wohnwagens, eines PCs, einer Waschmaschine, zerlegt im Raum liegend oder aufgehängt oder an der Wand?
  12. Ist es in der Sound- und Videokunst nur das millionste Narrativ von irgendeinem Text oder Erlebnis, meist zu verschwommenen Bildern und Soundcollagen?
  13. Ist es das nächste Klecksbild aus Tropfen, geschliffen oder verlaufend oder geschleudert, gerakelt, in matt oder Acryl. Wie viele sollen da noch kommen?
  14. Wenn es schon sinnlich nicht wirklich wahrnehmbar ist, überzeugt dann das dahinterliegende Konzept durch Unverwechselbarkeit oder Einfallsreichtum?

(Ich werde diesen Text und wohl auch die Liste immer wieder überarbeiten und ergänzen, aber vielleicht finden Sie beim Lesen den ein oder anderen Ansatz für Sie)